• Geburtshaus Freiburg

Internationaler Tag der Hebammen: Ein paar Worte von uns Hebammen


Aus bekannten Gründen können wir den Internationalen Tag der Hebammen nicht mit einer entsprechenden öffentlichen Aktion begehen - einen Blog-Eintrag möchten wir uns aber nicht nehmen lassen! Wir haben in den letzten Tagen und Stunden ganz wundervolle Nachrichten und Danksagungen von von uns begleiteten Frauen und Familien bekommen, die wir sehr schätzen und die uns zu unserer täglichen Arbeit motivieren.

Nichtsdestotrotz möchten wir den heutigen Tag dazu nutzen, unseren Hebammenkolleginnen selbst das Wort zu überlassen und ihnen an dieser Stelle eine Plattform zu bieten. Denn die Erfahrung der letzten Jahre und der leider weiterhin andauernde Abwärtstrend zeigt: mit Danksagungen und schönen Worten allein bewegt sich auf der so dringend benötigten Ebene der politischen Unterstützung nichts! Aus diesem Grund haben wir unsere Kolleginnen um kurze Statements gebeten. Wir möchten zum einen sichtbar machen, mit welchen Herausforderungen wir aktuell zu kämpfen haben, zum anderen, welche Lösungen es aus unserer Perspektive braucht, um langfristig die Arbeitsbedingungen für Hebammen zu verbessern und dazu beizutragen, dass Hebammen wieder über viele Jahre, hoffentlich Jahrzehnte hinweg gut und zufrieden in ihrem Beruf verweilen können!


Die Statements: Was sind aktuell für Dich die größten Herausforderungen im Hebammenleben? „Die vielen Absagen an Hausgeburtspaare, die ich geben muss, oft mit dem Wissen verbunden, dass sie keine Kollegin mehr finden werden selbst wenn sie früh dran sind! Daraus folgend, dass ich weniger "Komplettbetreuungen" (Schwangerschaft; Geburt UND Wochenbett) anbieten kann, um die angefragten Geburten zu ermöglichen.“ (anonym) „Ich komme gerade mal wieder aus einem Dienst in einem brechend vollen Kreißsaal, in dem so viel zu tun war, dass ich weder zur Toilette gehen, noch etwas essen oder trinken konnte. Nebenher habe ich noch eine Kollegin eingearbeitet - natürlich mehr schlecht als recht. Neben den Diensten im Kreißsaal warten täglich noch mehrere Hausbesuche, was bedeutet, dass meine eigenen Kinder mich gerade gefühlt kaum sehen. Momentan scheint der Hebammenberuf für mich ein 24-Stunden-Job zu sein, aus dem man gar nicht mehr richtig raus kommt. Ich hatte seit drei Wochen keinen einzigen freien Tag und empfinde diese Arbeitsbelastung als größte Herausforderung in unserem Beruf.“ (Miriam Brender) „Die Gratwanderung zwischen Aufklärung und Frauen darin zu bestärken, in guter Hoffnung zu sein. Ich möchte Sie darin unterstützen, den Prozessen rund um Schwangerschaft und Geburt zu vertrauen und sie gleichzeitig nicht unvorbereitet auf alle Eventualitäten lassen.“ (Barbara Trinkner) „Die größte Herausforderung ist für mich aktuell, die Besonderheiten des Alltags in Corona-Zeiten zu meistern - sowohl im Familienleben privat, als auch im Beruf. Privat bin ich momentan Lehrerin, Kindergärtnerin, Haushälterin, Köchin, alles auf einmal, und habe oft das Gefühl, letzten Endes weder meiner Familie, noch den von mir betreuten Familien vollends gerecht zu werden. Die Corona-Hygienemaßnahmen in der häuslichen Betreuung erschweren meinen Arbeitsalltag zusätzlich. Es fehlt mir, frischgebackene Eltern zum Beispiel mit einer Umarmung beglückwünschen zu können oder mein Lächeln auch ohne Mundschutz zeigen zu können.“ (Stephanie Kirschner-Krause) „Die Vereinbarkeit von Familienleben und Beruf, gerade mit kleinen Kindern, stellt für mich derzeit die größte Herausforderung dar. Die außerklinische Geburtshilfe mit dauerhafter Rufbereitschaft und die freiberufliche Arbeit insgesamt, so wie ich sie praktiziere, ist momentan für mich nur möglich, indem mein Mann vollkommen zurücksteckt und mir den Rücken frei hält. Ich bin froh, wenn wir im Geburtshaus zukünftig die Möglichkeit schaffen, abseits von Dauerrufbereitschaft trotzdem die Art der Geburtshilfe anzubieten, die wir uns für die Frauen und Familien wünschen.

Die zweitgrößte Herausforderung ist mein „Kampf“ um gesellschaftliche und vor allem politische Anerkennung und Unterstützung der Arbeit, die wir Hebammen an der Basis unserer Gesellschaft leisten. Diesen Mehrwert möchte ich unbedingt noch viel sichtbarer machen.“ (Sarah Wong-Herrlich) „Die größte Herausforderung im Hebammenleben ist für mich die Betreuung mehrerer Gebärender im Kreißsaal zur selben Zeit. In der Normalität muss ich mindestens zwei Frauen gleichzeitig betreuen und habe oft das Gefühl, niemandem gerecht werden zu können und vor allem auch in Notfallsituationen nicht adäquat handeln zu können. Ich finde, dass wir in solchen Situationen die Verantwortung für viel zu viele Frauen tragen müssen - und dafür auch noch nicht angemessen bezahlt werden. Abgesehen von den vielen Überstunden, die wir leisten, weil wir am Ende ja auch noch alles dokumentieren müssen, was in der regulären Arbeitszeit nicht mehr zu leisten ist. Und natürlich auch in der freiberuflichen Arbeit der Spagat zwischen den betreuten Familien und der eigenen Familie, der immer wieder neu zu leisten ist.“ (Judith Fuchs)


Was braucht es aus Deiner Sicht, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern?

„Deutlich mehr Verdienst bei den einzelnen Hebammenleistungen (bei den "Privaten" (fast doppelter Satz) fühle ich mich adäquat bezahlt). Mehr HausgeburtsKolleginnen. Mehr frauenfreundliche Geburtshilfe in den Kliniken: Stichwort Hebammenkreißsäle, mehr Klinikpersonal, Abschaffung der Wirtschaftlichkeit vom Gesundheitswesen, Abschaffung der DRGs (Anm.: Fallpauschalen im Gesundheitswesen), also eine gänzliche Reform des Gesundheitswesens!“ (anonym) „Es braucht mehr Wertschätzung - nicht unbedingt von den Frauen und ihren Familien, sondern vor allem auch von den Ärzt*innen, ob in der Klinik oder niedergelassen. Ich habe oft das Gefühl, dass nicht anerkannt wird, welchen Beitrag wir tatsächlich zur Gesundheitsprävention und Gesunderhaltung der Phase Schwangerschaft - Geburt - Wochenbett tatsächlich leisten. Im Bezug auf die Geburtshaus-Gründung nehme ich keine echte Unterstützung von politischen Entscheidungsträgern wahr, sondern vielmehr einen Tenor von „Ihr macht das schon“, was ich absolut enttäuschend finde. Zuletzt ernähre ich momentan mit meinem Beruf unsere Familie, sodass ganz klar auch die fehlende finanzielle Wertschätzung ein Thema für mich ist!“ (Miriam Brender) „Mein Wunsch zur Verbesserung für die Hebammen Situation wäre, dass Ärzte also GynäkologInnen in ihrer Ausbildung ein Pflichtpraktikum von mindestens einem halben Jahr bei einer außerklinisch arbeitenden Geburts-Hebamme absolvieren müssten , um ein tieferes Verständnis der Physiologie und der Stärkung der Physiologie zu bekommen, und auch die Arbeitsweisen besser verstehen zu können, und damit vielleicht in Zukunft eine Begegnung auf Augenhöhe wirklich stattfinden kann.

Zweiter Ansatz: grundsätzlich braucht die Erhaltung von Gesundheit Zeit, weshalb wir die Zeit auch bezahlt bekommen sollten, also vor allem auch im Wochenbett sollte es keine Pauschalvergütung geben, sondern die angemessene Bezahlung nach Zeitaufwand wie in der Schwangerschaft auch. Im Halbstundentakt oder vielleicht sogar im Viertelstundentakt angepasste Gebühren wären nötig, ebenso für Kurse!

Meine dritte und wichtigste Forderung ist sicher nach wie vor nach einer staatlichen Lösung für die Berufshaftpflichtversicherung, die Forderung nach einem staatlich bzw steuerlich subventionierten Haftungsfonds für Hebammen oder ähnliches, damit auch in Zukunft Hebammenarbeit wirtschaftlich bleibt. Denn momentan ist dies zwar möglich aber durch die progressiv steigenden Kosten der Berufshaftpflicht wird es in spätestens fünf Jahren nicht mehr wirtschaftlich sein Hebammen Arbeit - vor allem in der Geburtshilfe - zu leisten. Das bedeutet das faktische Aus für Hausgeburten bzw macht die Geburt zum Luxusgut für privat zahlende, gut verdienende Bürgerinnen die sich die Eins-zu-eins-Betreuung in der Hausgeburt leisten können. Dies darf nicht geschehen.“ (Nicole Junker) „Ordentliche Bezahlung! Oft trockne ich Tränen, weil Frauen durch Unachtsamkeiten anderer verunsichert und verängstigt werden. Ich übersetze Befunde und nehme mir Zeit. Ich biete fachliche Aufklärung, meine Erfahrung, ein offenes Ohr, eine Berührung, Menschlichkeit - eine Art von Psychohygiene. Das muss uns etwas wert sein! Wieso sollten wir weniger verdienen als Ärzt*innen?“ (Barbara Trinkner) „Mein Wunsch ist neben der dringend benötigten besseren Bezahlung sowie der Unterstützung von Seiten der Politik ganz klar mehr und längerfristige Unterstützung „unserer Lobby“, der Eltern. Sie sind - neben uns selbst - die Hauptbetroffenen der problematischen Situation in der Hebammenversorgung und ihre Stimme ist leider oft nicht sehr laut vernehmbar. Momentan habe ich oftmals das Gefühl, eine Art Stellvertreterdiskussion zu führen und für die Rechte der Eltern einzutreten und würde mir an dieser Stelle wünschen, dass Frauen und Familien lautstarker selbst für ihr Recht auf gute Betreuung einstehen. Auch das Thema Zusammenarbeit mit niedergelassenen sowie Klinik-Ärzt*innen treibt mich um - hier würde ich mir einen engeren Schulterschluss und echte Zusammenarbeit auf Augenhöhe und unter Achtung der jeweiligen Kompetenzen wünschen - im Sinne der gemeinsam betreuten Frauen und Familien.“ (Sarah Wong-Herrlich) „Ich wünsche mir mehr frauen- und familienfreundliche und flexiblere Arbeitsmodelle, gerade auch für angestellte Partner. Und, dass die Leistung, die Frauen für unsere Gesellschaft erbringen, mehr gesehen und gewertschätzt wird. Damit meine ich nicht nur im Beruf, sondern vor allem auch die viele unbezahlte „care work“! Ich habe das Gefühl, dass wir auf dieser Ebene noch lange keine echte Gleichberechtigung erreicht haben!“ (Stephanie Kirschner-Krause) „Optimal ist die Eins-zu-Eins-Betreuung für alle Gebärende. Jede Klinik sollte dies gewährleisten, indem die Personalschlüssel entsprechend verändert werden. Wenn keine Eins-zu-Eins-Betreuung stattfindet, steigt meiner Erfahrung nach der Schmerzmittelbedarf signifikant, einfach nur, weil die Frauen nicht adäquat betreut werden - und das finde ich als Hebamme sehr problematisch.“ (Judith Fuchs)



Was motiviert Dich im Alltag trotzdem dazu, weiter im Beruf zu bleiben? „Die Liebe zum Beruf, zur Geburtshilfe, mit meiner Arbeit ein BISSCHEN was in der Gesellschaft beitragen zu können, Familien einen bestmöglichen Start zu ermöglichen.“ (anonym) „Mich motiviert, so nah am Puls zu sein. Die große Dynamik und Wachstumschance, die in der Zeit des Mutterwerdens steckt. Die Frauenpower. Die feste Überzeugung, dass wir über die Frauen die ganze Gesellschaft retten. Die Vielfalt an Möglichkeiten und Werkzeugen, die ich dazu habe. Das Sinnvolle schnell zu sehen und das Spüren von Entwicklung!“ (Barbara Trinkner)


„Momentan motiviert mich vor allem die Aussicht darauf, hoffentlich bald zu einem normalen Arbeitsumfeld zurückkehren und meine Arbeit in den Familien wieder so gestalten zu können, wie es meinen Idealen entspricht.“ (Stephanie Kirschner-Krause) „Am Beruf festhalten lässt mich die unglaubliche Dankbarkeit, die man als Hebamme von den betreuten Frauen und Familien erfährt. Als Mutter weiß ich selbst, wie wichtig gute Hebammenbetreuung in dieser Lebensphase ist, um sicher gebären zu können und wie wichtig ein guter Start ins Leben sowohl für die Familie als auch die Kinder ist!“ (Judith Fuchs) „Ich mache meine Arbeit total gern, weil ich sie wahnsinnig bereichernd finde. Ich verbinde mich in der entsprechenden Situation stark mit den Familien und fühle mich dabei sehr lebendig - auch, weil so viel zurückkommt. Das lässt mich am Beruf der Hebamme weiter festhalten, auch, wenn ich mich außerhalb der Betreuungssituationen dann oft erschöpft und energieentzogen fühle.“ (Miriam Brender) „Meine größte Motivation ist die, Frauen und ihre Familien zu stärken. Eine gesunde, starke und gerechte Gesellschaft fußt auf starken Frauen und Kindern, die in ihren Bedürfnissen gesehen und in Geborgenheit aufwachsen dürfen. Frauen, die in der wohl wichtigsten Transformationsphase ihres Lebens ihre ureigene Kraft erleben und dadurch in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden, werden auch alle anderen Herausforderungen, die das weitere Leben für sie bereithält, meistern können.

Ich habe in meiner Arbeit das Gefühl, einen echten Beitrag zu einer positiven, solidarischen, gerechten Zukunft leisten zu können und das treibt mich jeden Tag aufs Neue an. Und natürlich die Hoffnung, dass dies in absehbarer Zeit auch entsprechend gesehen und gewürdigt wird - und zwar mit mehr als „nur“ netten Worten der Dankbarkeit. :-)“ (Sarah Wong-Herrlich)





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